Anregende Diskussion nach der Veranstaltung (von links): Klaus Neubert, Udo H. Lamberti und Jens Wilhelm. Foto: JaMedia

Hannover. "Bei uns erfahren Sie Neuigkeiten": Mit diesen Worten begrüßte Klaus Neubert, Richter am Amtsgericht Hannover am 22. Februar rund 40 Interessenten. beim Institut für Insolvenzrecht im Vortragssaal der Leibniz-Bibliothek. Udo H. Lamberti und Thomas Schlieker von der Industrie-Rat GmbH aus Hamburg informierten über den Verwerter-Alltag. Die Insolvenz-Ordnung lege den Schwerpunkt auf die Unternehmenssanierung, deshalb habe man die Verwertung als Thema bislang kurz gehalten, erläuterte Klaus Neubert. Trotzdem werde immer noch mehr abgewickelt als saniert – und das gehe nicht ohne professionelle Hilfe wie von der Industrie-Rat. Udo H. Lamberti, seit über 30 Jahren in der Branche tätig, gelte als eines ihrer Urgesteine. Lamberti dankte für die netten Worte. Das Referat über den Verwerter-Alltag überließ er Thomas Schlieker, seinem Experten für das Ressort „Maschinen und Anlagen“ bei der Industrie-Rat mit Büro in Hannover-Herrenhausen. Der schilderte seine Aufgaben als „Abenteuer zwischen Schreibtisch und Werkbank“, die oft genug nach dem Motto verliefen: „Ich sehe was, was du nicht siehst“ – womit er den insolventen Geschäftsmann und sein mitunter schwaches Erinnerungsvermögen an Verwertbares im Unternehmen meinte. 

 

Vier Themenschwerpunkte
Thomas Schlieker informierte seine Zuhörer über vier Themenschwerpunkte: Die Inventarisierung von Sachanlagevermögen („Schon eine Inventarisierung ist eine Sicherstellung von Anlagevermögen“), die Bewertung von Handelsware, die Verwertung von Maschinen, Anlagen, Betriebs- und Geschäftsausstattung sowie die Verwertung von Handelsware. Der Erstkontakt entstehe mit der Auftragserteilung durch den Insolvenzverwalter zur Inventarisierung des Anlage- und Umlaufvermögens. Danach erhalte die Geschäftsführung von der Industrie-Rat ein Schreiben, in dem sie aufgefordert werde, alle Unterlagen bereitzustellen. Nach dem Erstgespräch gebe es eine Erstbegehung mit dem Anlagespiegel und es erfolgt ein Abgleich der werthaltigsten Positionen. Der Anlagespiegel („Bibel der Unternehmen“) gebe dem Schätzer beim Erstbesuch eine Übersicht über die wesentlichen Sachanlagegüter. „Je nach Kooperation der Geschäftsführung entscheiden wir dann über weitere Sicherungsmaßnahmen: vom Austausch der Schließsysteme bis zur Anforderung eines Wachdienstes“, betonte der Referent. Auch sei es wichtig, sich im Unternehmen selbst Informationen zu beschaffen („Nicht jede Lüge muss wahr sein“). Anzuzapfende Informationsquellen seien auch Kunden, Lieferanten, Banken und Nachbarn. Wesentliche Dokumente gelte es sicherzustellen wie Buchungsbelege, Belege über Warenbestände, Drittrechtsverfügungen sowie Nachweise zu Waren mit Eigentumsvorbehalten. Im Übrigen sei vom Geschäftsführer eine Vollständigkeitserklärung zu unterzeichnen, mit der er bestätige, alle Leasingverträge, Mobilien-Mietverträge, Kraftfahrzeugbriefe und –scheine sowie den Anlagespiegel seines Unternehmens ausgehändigt zu haben. Er empfehle, alle Anlagegüter mit einem Aufkleber mit fortlaufender Nummer zu kennzeichnen, riet Thomas Schlieker den Zuhörern („Ich sehe hier einige Mitbewerber – und freue mich, dass Sie in Ihre Weiterbildung investieren“). Überhaupt gelte es eine Art roten Faden auszulegen und sich zu überlegen, wie man das Unternehmen abarbeiten wolle. Habe man früher alle Positionen handschriftlich auf einem Klemmblock festgehalten, dominiere heute digitale Aufnahmetechnik sowohl im Fotobereich als auch bei Diktiergeräten. „Der Buchwert hat lediglich einen vagen Bezug zum Zeitwert – nur Ihre kontinuierliche Marktbeobachtung ist ein Garant für realistische Werte“, gab der Referent zu bedenken. Als Beispiel nannte er Computer, die innerhalb von zwei Jahren veralteten.
  

Bewertung von Handelsware
Bei diesem Thema mahnte Thomas Schlieker zur Vorsicht bei der Bilanzverwertung: „Hier werden oft Werte vorgetäuscht, da Handelsware mit hundert Prozent des Einkaufswerts in der Bilanz erfasst ist.“ Faktoren der Wertfindung seien vor allem Lagerdauer, Nachfrage am Markt, Zustand der Ware und ihre Mindesthaltbarkeitsdauer. „Vermerken Sie den Stichtag der Bewertung in Ihrem Gutachten“, riet er den Zuhörern. Beim Verkauf der Liquidationsware unterscheide man zwischen Postenverkauf ohne Gewährleistung (Vorteil: schnelles Geld; Nachteil: geringer Erlös) und der Vermarktung an Endverbraucher mittels Insolvenzwarenverkauf (höhere Kosten durch Personal, Strom – dafür höhere Erlöse). Schlieker: „Die Vermarktung an Endverbraucher schneidet wesentlich besser ab.“

Verwertung von Maschinen und Anlagen
Hierzu gelte der Standardsatz, dass das Wissen um die lukrativsten Absatzmärkte die höchsten Erlöse sichere, sagte der Industrie-Rat-Experte. So könne man hochwertige Baumaschinen gut in den Vereinigten Arabischen Emiraten verkaufen, während Lkw älterer Bauart auch in Afrika noch zu verwerten seien. Dabei sei es wesentlich, den Nutzen in den Vordergrund zu stellen und Zielmärkte über Internetplattformen und Berufsorganisationen anzusprechen. Bei Publikumsversteigerungen entscheide die umfassende und exakte Vorbereitung über den Erfolg. So müsse man im Internetzeitalter einen Versteigerungskatalog als PDF-Dokument aufbereiten und online stellen und Bannerwerbung auf den Internetportalen großer Handelsplattformen betreiben. Auch gelte es, alle Objekte optisch aufzubereiten: „Für eine saubere Baumaschine wird besseres Geld gezahlt, als für eine verdreckte.“  

Verwertung von Handelsware
Bei diesem Unterthema ging der Referent nochmal auf den Vergleich von Postenverkauf und Insolvenzwarenverkauf an sein Publikum zurück. Die Durchführung des Postenverkaufs durch Händler sorge für eine schnelle Räumung und schnelle Realisierung mit allerdings geringen Erlösen. Beim öffentlichen Warenverkauf dominiere zwar der höhere Erlös: Nachteil seien aber Restbestände. Klaus Neubert dankte Thomas Schlieker für seinen liebevollen Vortrag: „Man merkt, dass Sie an Produkten wie den Baumaschinen hängen.“ Ob er auch bei Ebay verkaufe, wollte der Richter von ihm wissen. Schlieker verneinte dies mit dem Hinweis auf die dort geltenden Gewährleistungsverpflichtungen. Es bliebe die Kardinalfrage, was bei einer Insolvenz sinnvoller sei: Das Unternehmen fortzuführen oder den schnellen Erlös durch Verwertung zu bevorzugen - mit diesen Worten schloss Klaus Neubert die Veranstaltung. Beifall von Seiten der Zuhörer.   

 Harald Jacke